LEAD-SATZ DES ARTIKELS — kurze Zusammenfassung in einem Satz.
Kein anderes Material fühlt sich für mich so sehr nach einer zweiten Haut an wie Latex. Ein enger Catsuit verwandelt deinen Körper in eine glänzende Fläche. Es ist einengend – im positiven Sinne, unglaublich warm und wird so zu einer Art Kokon in dem man sich seltsam geborgen fühlt.
Latex hat einen sehr charakteristischen Duft. Nach Gummi – aber nicht im Stil von Autoreifen, sondern (zumindest für mich) weicher und organischer. Mit der Zeit verliert sich dieser Duft ein wenig, wärmt er sich auf deiner Haut auf, kann sich der Duft wieder intensivieren.
In der Haptik ist der Stoff sehr weich und weist meist eine etwas rauere und eine glatte Seite auf, die man auf Hochglanz polieren kann. Ebenso ist die Dicke des Materials entscheidend:
So liegt es bei einer dünneren Ausführung ganz sanft auf der Haut oder umspielt den Körper bei weiteren Schnitten. Wird eine dicke Latexmeterware verwendet, wirkt es stärker, fast wie eine Art Rüstung.
Wie Latex entsteht und verarbeitet wird, habe ich mir für meine eigenen Produktionen genauer angeschaut und hier für dich aufgeschrieben. Ebenso interessant ist auch der historische Kontext.
Dieser Artikel ist weniger essayistisch, sondern soll vielmehr einen ersten Überblick hinter Herkunft, Produktion und die historische Entwicklung geben.
Doch wie entsteht Latex eigentlich – und wie hat es seinen Weg in die Fetisch und High Fashion Mode gefunden?
Woher kommt Latex?
Latex ist eines der ältesten und zugleich faszinierendsten Materialien der Welt: natürlichen Ursprungs, aber industriell/chemisch verarbeitet. Indigene Völker in Mexiko und Mittelamerika sammelten bereits vor 3600 Jahren den weißen Milchsaft des Kautschukbaums. Dort wurde er mit weiteren Pflanzensäften wurde er zu einem elastischen Material bearbeitet und unter anderem für die Herstellung von Schuhe oder auch Zeremonialmasken genutzt.
Der Para-Kautschukbaum (Hevea brasiliens), kommt aus der Familie der Wolfsmilchgewäsche und stammt ursprünglich aus dem tropischen Amazonasbecken.
Wächst er in freier Wildbahn, ragt der Baum zwischen 20 und 40 Metern in die Höhe. Auf den Plantagen wurde er deutlich kleiner kultiviert, um die Ernte zu erleichtern.
Der Milchsaft (Latex) zirkuliert in einem Netzwerk aus Milchröhren im weichen Bast unterhalb der Rinde. Wird die Rinde verletzt, tritt Latex aus. Dies ist ein Schutzmechanismus vom Baum, um sich vor Insekten zu schützen, die so vom Saft eingeschlossen werden und gleichzeitig verschließt er die Wunde.
Der Gummigehalt vom gezapften Latex liegt bei 30 bis 40%. Der Wasseranteil macht 55% bis 70% aus und der Rest sind Proteine, Zucker, Harze und Wachse.
85 bis 90 Prozent der weltweiten Naturkautschuk-Ernte stammen heute aus Südostasien. Führend sind Thailand, Indonesien und Malaysia.
Ein Merkmal der modernen Kautschukproduktion in die Dominanz kleinbäuerlicher Betriebe, die bei circa 85 Prozent liegt. Für diese Familien ist der Kautschukpreis, der sehr stark schwankt, entscheidend. In manchen Jahren kann der Preis so stark fallen, dass sich das Zapfen der Kautschukbäume kaum lohnt. Gibt es keine anderen Einkommensalternativen, sind diese Haushalte extrem verletzlich. Dies ist tatsächlich ein zentrales soziales Problem der globalen Kautschukversorgung.
Im Herkunftsgebiet Amazonien ist der Plantagenanbau aufgrund eines parasitären Pilzes, der die Bäume befällt bis heute kaum möglich.
Die Lösung für den systematischen Anbau fanden die britischen Kolonialisten auf einem anderen Kontinent.
Kolonialgeschichte des Kautschukanbaus
Die Geschichte des Kautschuk ist untrennbar mit Kolonialismus, Biopiraterie und massiver Menschenrechtsverletzungen verbunden.
1867 schmuggelte der Abenteurer Henry Wickham im Auftrag des britischen India Office Samen des Kautschukbaums aus Brasilien zu raus. In Malaysia (damals britische Kolonie) wurden aus den Samen Setzlingen gezogen und nach mehreren Fehlversuchen, entstanden in den 1890er Jahren die ersten Kautschukbaum-Plantagen.
Ab 1905 gelang Kautschuk von dort aus auf den Weltmarkt und verdrängte Brasiliens Monopol innerhalb weniger Jahre. So erlangte Großbritannien die globale Kontrolle über den Kautschukhandel und die Preise.
Auf den malayischen Plantagen arbeiteten überwiegend tamilische Wanderarbeiter aus Süd-Indien. Rekrutiert wurden sie über das „Kangany-System“. Dies war ein Schuldknechtschaftsmodell, welches Bauern in extreme Abhängigkeit von den Betreibern der Plantagen brachte. „Verbessert“ wurde dieses Modell erst mit der Unabhängigkeit Malaysias (1957).
Die Kongogräuel
Zur ähnlichen Zeit spielte sich in Zentralafrika spielte sich das dunkelste Kapitel der Kautschukgeschichte ab. Der belgische König Leopold II. erklärte 1885 das Kongo-Becken zu seinem Privatbesitz.
Mit der Erfindung des Luftreifens (1888) boomte die Nachfrage nach Kautschuk und Leopold errichtete ein brutales Zwangsarbeitssystem auf den dortigen Kautschukplantagen. So gab es beispielsweise für jedes Dorf Lieferquoten. Wurden diese nicht eingehalten, riskierten sie ihr eigenes und/oder das Leben ihrer Familien.
Unter dieser Herrschaft halbierte sich die Bevölkerung des Kongo zwischen 1880 und 1920. Erst nach internationalem Druck kam es 1908 endlich zum Rücktritt von Leopold II. Der die Kolonie dann an den belgischen Staat übergab.
Die „Kongogräuel“ gelten als eines der schwersten Verbrechen der modernen Kolonialgeschichte.
Nachhaltigkeit beim Anbau und der Produktion
Ich suche selbst schon eine Weile nach Latex-Meterware, die nachweislich nachhaltig ist – was leider gar nicht so einfach ist. Latex hat zwar einen natürlichen Ursprung, doch wie nachhaltig ist die Produktion?
Dadurch das die Kautschukproduktion in den Händen von Familienbetrieben liegt, ist die Verfolgung der Lieferkette sehr schwierig.
Kautschukbäume absorbieren erhebliche Mengen von CO2 aus der Atmosphäre, was laut einiger Studien vergleichbar mit den tropischen Mischwald-Flächen sein soll.
Die Kautschukbäume werden circa 25-30 Jahre zum Zapfen genutzt. Danach wird das Holz in der Möbelindustrie weiterverwendet, was das gespeicherte CO2 noch Jahre bindet und als CO2-positiv betrachtet werden kann. Grundsätzlich ist Naturkautschuk also ein erneuerbarer Rohstoff mit positiver CO2-Bilanz, wenn er nachhaltig angebaut wird.
Die Kehrseite sind die Monokulturen, die den Großteil der Plantagen ausmachen.
Mittlerweile gibt es Ansätze für Mischkulturen. Kautschukbäume werden hier mit Kaffee, Kakao, Gemüse oder anderen Kulturen kombiniert. So entsteht eine Biodiversität und für die Kleinbauern entsteht eine weitere Einkommensquelle.
Das FSC hat spezielle Kautschukstandards entwickelt, die nachhaltigen Anbau in Mischkulturen, ökologische Integrität und faire Arbeitnehmerrechte vorschreibt. Dieser zertifizierte Kautschuk kostet circa 20% mehr, findet aber trotzdem immer mehr Abnehmer.
Eine weitere Zertifizierung ist das „Fair Rubber“-Siegel. Es kombiniert ökologische Nachhaltigkeitsstandards mit einer Prämienzahlung an Kleinbauern (ähnlich wie Fairtrade Kaffee).
Seit 2023 werden Unternehmen von der EU verpflichtet, sicherzustellen, dass Kautschukprodukte nicht aus seit 2020 gerodeten Waldflächen stammen. Die lückenlose Rückverfolgbarkeit (Lieferketten) stellt insbesondere Kleinbauern-basierte Lieferketten vor enorme Herausforderungen.
Das WWF unterstützt im brasilianischen Amazonasgebiet traditionelle Kautschukzapfer (Seringueiros) die Hevea-Bäume wild im Regenwald zapfen. Mit dieser Initiative werden über 60.000 Hektar Wald geschützt.
Da ich selber mit Latex arbeite, ist die Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema für mich und ich weiß selbst, wie schwer es ist, hier wirklich verlässliche Informationen zu finden.
Vom Baum zur Meterware
Wie wird aus dem Saft des Kautschukbaumes das Endprodukt Latexmeterware? Üblicherweise erfolgt dies in drei Schritten:
Die Ernte beginnt mit dem Zapfen des Milchsafts, was bis heute überwiegend in Handarbeit passiert. Meist beginnt die Ernte früh morgens, da die Fließrate bei niedrigen Temperaturen am höchsten ist.
Mit einem speziellen Messer wird ein spiralförmiger Schnitt in die äußere Rinde gesetzt. Die Tiefe ist hierbei entscheidend, um den Baum nicht zu verletzen.
Unterhalb des Schnitts wird eine kleine Metallschiene am Stamm befestigt, über die der Milchsaft in einen Auffangbecher fließt. Am Nachmittag werden diese dann eingesammelt.
Jeder Schnitt wird fast täglich um wenige Millimeter nach unten versetzt, damit sich die Rinde regenerieren kann. So kann ein Baum bis zu 25-30 Jahre lang angezapft werden.
Frisch gezapfter Latex enthält etwa 30-40% Kautschuk. Für den Transport und die Weiterverarbeitung gibt es zwei Hauptverfahren:
1. Koagulation zu Rohkautschuk
Der Latex wird mit Ameisensäure oder Essigsäure versetzt, um so das Protein-Kolloid zu destabilisieren und die Kautschukpartikel zum Ausfallen bringt. So entsteht eine weißlich-cremige Masse, die zu Platten gepresst, durch Rollwalzen geknetet und anschließend geräuchert oder getrocknet wird. Dabei kommt dann RSS (Ribbed Smoked Sheet) oder TSR (Technically Specified Rubber) raus, die die klassischen Handelsformen von Rohkautschuk sind.
2. Zentrifugation zu Latexkonzentrat
Für Anwendungen mit Flüssiglatex (Tauchverfahren, Folienherstellung) wird der Rohstoff durch Hochgeschwindigkeitszentrifugen auf einen Kautschukgehalt von ca. 60% aufkonzentriert. Stabilisiert wird das Flüssiglatex mit Ammoniak, um so die Koagulation zu verhindern. So wird es dann mit Tankern zur Verarbeitungsfabrik transportiert.
Ohne die Vulkanisation wäre Latex als Modestoff nicht denkbar. Ohne dieses Verfahren klebt Latex bei Wärme, während es bei Kälte brüchig wird und seine Formstabilität verliert.
Die Vukanisation ist der chemische Schlüssel, um aus dem Rohstoff ein elastisches und dauerhaftes Material zu machen.
Bei dem Prozess der Vulkanisation werden dem Kautschuk Schwefel, Zinkoxid, Beschleuniger und weitere additive zugesetzt. Der Kautschuk wird auf 90-150 Grad erhitzt, wodurch chemische Schwefelbrücken entstehen. So wird das Material gummielastisch, dauerhaft dehnbar und widerstandsfähig gegen Wärme, Kälte und mechanische Belastung.
Latexfolien für Modelatex
Für Fashion-Meterware wird im ersten Schritt flüssiges Latex verwendet. Hier findet auch bereits der Vulkanisationsprozess statt. Die Latexmischung (zusammen mit den Chemikalien) wird nach einem Reifeprozess auf eine Trägeroberfläche aufgetragen und bei 90 bis 130 Grad im Heißlufttunnel oder Dampfbad vulkanisiert.
Anschließend wird es kalandriert: Das erhitzte Compound wird durch verschiedene Walzen gezogen, bei der die Dicke immer weiter reduziert wird, bis die Enddicke erreicht ist. Ähnlich wie beim Herstellen von Nudelteig. Die letzte Walze ist hochglanzpoliert und sorgt so für die glänzende Oberfläche. Diese Walze kann aber auch mit einer Struktur versehen sein, um bestimmte Effekte zu erzielen.
So entsteht eine gleichmäßige Folie, mit den typischen Eigenschaften: glänzend und elastisch.
Für die verschiedenen Farben, werden bereits vor der Vulkanisation Farbpigmente in das Flüssiglatex eingearbeitet.
Latex in der Modegeschichte
Latex hat keinen geradlinigen Weg in die Mode gefunden. Es hat sich „eingeschlichen“ – durch Hintertüren, Versandkataloge und Avantgarde-Boutiquen. Die Geschichte ist die einer Subkultur, die sich letztlich weigerte, unsichtbar zu bleiben.
Der Mackintosh Gummimantel – Latex als frühes Fetisch-Objekt
Zweckentfremdung ist ein typisches Mittel innerhalb der Fetisch-Szene. Verwunderlich ist es daher nicht, dass ein Mantel der eigentlich für Regentage im ländlichen Großbritannien gemacht war, plötzlich zu einem Fetisch-Objekt und damit zum Beginn der Latex-Mode wird. Ob Charles Macintosh selbst gedacht hätte, dass sein Mantel einmal der Beginn der Latex-Kleidung beschreiben würde?
Charles Mackintosh gründete bereits mit 20 Jahren seine eigene Produktionsstätte in Glasgow, um dort Farben herzustellen. Bei seinen Experimenten stieß er auf die entscheidende Eigenschaft von Steinkohlenteer-Naphta: Diese flüchtige und stark riechende Destillat hatte die Eigenschaft Naturkautschuk aufzulösen.
Bis dahin war Naturkautschuk zwar ein interessantes, aber schwer verarbeitbares Material. Mackintoshs Idee war simpel aber genial: Er bestrich einen Wollstoff mit der Kautschuk-Naphta-Mischung und legte darüber einen zweiten Wollstoff. Diese einfache Lösung machte den Verbundstoff wasserdicht.
Natürlich gab es anfangs Schwächen: Das Material roch stark und dieser ließ sich nur schwer überdecken. Außerdem wurde an den Stellen der Nähte, wo die Nadel kleine Löcher macht, der Mantel undicht. Die ersten Abnehmer bestanden daher hauptsächlich aus dem Militär und der Marine.
Die Revolution kam mit Charles Goodyear, der feststellte, dass Kautschuk in Verbindung mit Schwefel bei Hitze formstabil und bei Kälte flexibel blieb. Dieses Verfahren taufte Goodyear Vulkanisieren.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wurde der Mackintosh Mantel zu einem echten Massenprodukt. Er galt als unverzichtbar für das feuchte britische Klima. und dann dauerte sein Weg in die Fetisch-Welt auch nicht mehr lange.
Tatsächlich kam er bereits im viktorianischen England eine ambivalente Position zugeordnet. Die damalige Mode war luftig und locker gestaltet. Der Mackintosh war jedoch kantiger, endanliegender und hatte eine glänzende Gummibeschichtung, was die Körperkonturen auf eine ganz andere Weise, als die damals übliche hervorhob.
London Rubber Scene – die Subkultur formiert sich
Im London der 1920er Jahre gab es das Unterhaltungsmagazin London Life, dass sich auf besondere Art und Weise mit dem Mackintosh Mantel auseinandersetzte.
Fetische waren damals nicht etabliert, sondern verpönt. Dennoch veröffentliche London Life zwischen 1923 und 1940 Leserbriefe, in denen in verschlüsselter Sprache über die erotische Anziehung zu den Gummimänteln oder anderen Gummidingen geschrieben wurden.
So wurden die Kommentarspalten zu einem Treffpunkt der Latex-Enthusiasten.
In ihrem Buch Fetisch greift die Autorin Valerie Steele diverse Zitate aus der frühen Zeit der Latex-Enthusiasten innerhalb der Fetisch-Kultur auf.
„Eines der ersten Beispiele ist hierbei der Mackintosh-Regenmantel. „Schon ab 1926 erschienen in London Life Zuschriften, die von der Begeisterung für den Machnitos- Regenmantel berichteten, un so blieb es über Jahre.
Silk Mac schrieb: „Mein Mann und ich freuen uns so sehr auf Briefe von Mackintosh-Fans (…) und auf die zauberhaften Beschreibungen, der herrlichen Mackintosh-Outfits“ Ihr Mann hörte besonders gern „das herrliche Quietschen des Gummis. (…) Ich konnte sehen, wie er jede Bewegung, die ich machte, genoß, uns Sie können sich vorstellen, daß auch ich glücklich war, solange ich ihm auf so einfache Weise Vergnügen bereiten konnte.“ (25. Februar 1933)“
Aus diesem Netzwerk, entstand in England die Mackintosh Society – eine der ersten weltweit organisierten Fetisch Vereinigungen.
Drumherum sind eine Vielzahl von Slang-Begriffen, wie „Macking“ für das Tragen von Gummi und natürlich insbesondere des Mackintosh-Mantels entstanden.
So wurde der Mackintosh Mantel auch zum Mittelpunkt einer ganzen Reihe von Publikationen, die ausschließlich der Darstellung von Personen in Regenmänteln gewidmet war.
Atom Age – Der Katalog für Fetischisten
Eine besondere Rolle in der britischen Szene nahm John Sutcliffe mit Atom Age ein. Er wird häufig als Vater der Gummi- und Leder-Fetischszene bezeichnet.
Gegründet wurde Atom Age mit dem Zweck zur Herstellung von „Wetterschutzkleidung für Motorrad-Sozius-Fahrerinnen“. Entwickelt hat sich daraus aber recht zügig ein wegweisendes Bekleidungs- und Medienunternehmen für die Fetisch-Szene.
Der erste AtomAge-Katalog erschien 1965 und ab 1967 wurde dieser von Sutcliffe um Latexkleidung erweitert.
Sutcliffe beeinflusste auch die Mainstream-Kultur: Der Leder-Catsuit, den Diana Rigg als Emma Peel in der britischen Fernsehserie The Avengers trug, soll er beeinflusst haben. Die Figur wurde zu einem kulturellen Symbol für starke, selbstbewusste Weiblichkeit in engen Leder- und Latexkostümen.
Bis ins Jahr 1980 erschien AtomAge mit insgesamt 32 Ausgaben und hinterließ damit einen prägenden Eindruck in der Fetisch- und Avantgarde Modeszene.
Es ist doch interessant: Der Mackintosh-Mantel wurde von einem Regenmantel durch die Community zu einem Fetischteil erhoben. Heute passiert es genau andersrum: Fetischteile, wie Latexkleider, werden von der Haute Couture gekapert. So schließt sich der Kreis wieder.
Punk und Provokation – Westwood bringt Latex auf die Straße
Eine Boutique mit dem Laden SEX sollte ab 1974 Latex an die Körper Aller und somit auf die Straße bringen. Eröffnet haben den Shop Vivienne Westwood und Malcolm McLaren. Die Boutique wurde innerhalb von 10 Jahren fünfmal neu erfunden und war damit jedes Mal ein Spiegel der wandelnden kulturellen Ambitionen der Betreiber. SEX war die dritte Reinkarnation.
Was vorher nur im Verborgenen stattgefunden hat, wurde mit SEX das erste Mal in die Öffentlichkeit getragen. Und genau das wurde nach außen hin sehr öffentlich gezeigt. Schon die Fassade wurde mit einem großen Schild aus pinken Schaumgummi mit dem Schriftzug SEX geschmückt.
Die beiden hatten ganz klar Interesse daran, die Gesellschaft aufzurütteln. Bis dato war Fetisch-Wear in Großbritannien nur per Versandkatalog erhältlich. Jetzt wurden in der Boutique vor Ort Eigenentwürfe von Westwood und McLaren, sowie Kleidung von etablierten Anbietern, darunter auch AtomAge angeboten. Stilettos mit Nieten und aus glänzendem roten PVC, Korsetts, Leder-BHs und Fesseln für Handgelenke und Knöchel wurden ganz einfach für jeden kaufbar.
Die Kundschaft war bewusst heterogen: Prostituierte, Fetischisten und junge Proto-Punks, die einen radikalen Look auf der Straße tragen wollten.
Westwood und McLaren wollten keine einzelne Szene bedienen. Die Szenen sollten kollabieren.
Der Fetischist sollte auf den Rebellen treffen, die Subkultur mit der Straße verschmelzen.
SEX kann jedoch nicht einfach nur als Fetischladen gesehen werden. McLaren war ein Anhänger der Situationistischen Internationalen. Eine 1957 in Paris gegründete politische Avantgarde-Bewegung, die aus Dada und Surrealismus hervorging. Das Ziel: Radikale Eingriffe in den Alltag, um die Passivität zu durchbrechen.
Um dies auszudrücken, war SEX die passende Plattform. Es ging um die Verschiebung der Bedeutung von verschiedenen Symbolen. Die Ausrichtung in einem neuen Kontext.
In diesem Rahmen war die Fetisch-Ästhetik perfekt. Latex und Leder galten als Verboten, waren sexualisiert und galten für gesellschaftlich Ausgegrenzte. So waren sie die idealen Materialien für eine Mode, die Konfrontation als Prinzip verstand.
Vom Underground zum Runway – Mugler, Kudo und die Haute Couture
Was SEX auf der Straße etabliert hatte, musste dann nur noch auf die Laufstege gebracht werden. Dabei wurde die zuvor politische Message gegen skulpturale Strenge eingetauscht. Und Thierry Mugler war dieser Jemand.
Thierry Mugler war einer der Ersten, der Latex auf den Runway brachte. Für Mugler ist der Körper ein skulpturales Objekt: Taillen, Schultern und Hüften werden architektonisch überhöht.
So war auch Latex bei ihm nie voyeuristisch gemeint. Es ist vielmehr ein Material für Transformation. Die Betrachtung des Körpers als Kunstobjekt. So erschienen Latex-Outfits auf dem Laufsteg neben Cyborg-Konstruktionen, Tier-Referenzen und Science-Fiction-Ästhetik.
Für seine Entwürfe arbeitete Mugler mit spezialisierten Latex-Ateliers zusammen und etablierte das Material damit zum ersten Mal in der Haute Couture mit einem hohen handwerklichen Anspruch.
So wurde das Konzept der „zweiten Haut“, die mehr verhüllt als verbirgt durch Mugler zu einer fashion-theoretischen Figur.
Latex – ein Material wie jedes Andere
Besonders spannend ist Atsuko Kudo. Sie designt seit vielen Jahren Latex-Mode für Stars wie Lady Gaga, Dita von Teese oder Beyoncé. Beinah jedes Stück von ihr ist eine Maßanfertigung. Mit ihren Entwürfen hat sie ein handwerkliches Vokabular für Latex entwickelt, dass es so vorher nicht gab.
Für sie ist Latex ein Modestoff wie jeder andere. So wird Latex hier wie Seide behandelt. Der Stoff verdient Können und Respekt. Es ist keine Nischenprovokation, sondern ein legitimes Material.
Sie trennt bewusst zwischen Latex als Fashion-Material und Latex im erotischen Kontext. Diese Grenzziehung, hat die Salonfähigkeit von Latex entscheidend beeinflusst.
Auch bei anderen Haute Couture Designern, tauchte Latex und/oder Fetisch-Elemente in ihren Kollektionen auf:
- Jean Paul Gaultier: Korsetts werden nicht mehr unter, sondern bewusst als einzelnes Teil oder über anderen getragen.
- Alexander McQueen: Bei ihm erschien Latex im Kontext von Verletzlichkeit, Vergänglichkeit und Bedrohung. Dabei immer konzeptuell.
- Givenchy und Riccardo Tisci: Harness- und Latex-Elemente werden in eine dunkle, religiös aufgeladene Ästhetik verpackt.
Mainstream-Moment – wenn ein Material seine Nische verlässt
Sobald Luxusmarken ein Material aufgreifen, wird es automatisch als legitim angesehen. Da ist die Herkunft aus der Fetisch-Szene nichtig.
Celebrities können dies noch einmal puschen. So ist es mit Latex durch Kim Kardashian geschehen. Bei der Met Gala 2019 trug sie ein Mugler Kleid mit Wet-Look-Latex-Effekt. Dieser war einer der am heiß diskutiertesten Fashion Momente des Jahrzehnts. Mugler selbst kam aus dem Ruhestand zurück, um das Kleid zu entwerfen.
Durch Social Media sind die Bilder viral gegangen. Millionen von Menschen sehen Latex an Kim Kardashian, ohne die wirklichen Hintergründe zu erkennen. So gesehen könnte man sagen, dass Kardashian durch ihr Label SKIMS sich auch von Latex hat beeinflussen lassen. Hier werden hautenge, leicht schimmernde Stücke verkauft, die allerdings schlanker machen sollen. Dies widerspricht allerdings stark dem eigentlichen Gedanken von Latex-Mode: der Selbstermächtigungs Codierung.
Die Frage die hier bleibt: Ist dies eine Demokratisierung oder Aneignung gegenüber der Community?
Was Latex am Körper macht – und bedeutet
Eng anliegende Latex-Kleidung lügt nicht. Sie zeigt deinen Körper so wie er ist. Jede Kurve, jede Wölbung oder auch Unebenheit. So schön wie er ist.
Für mich gibt es keinen anderen Modestoff der so kompromisslos ehrlich ist. Dazu passt auch die zweite Haut Metapher. Latex an deinem Körper verhüllt und enthüllt gleichzeitig. Wenn ich Latex an Tagen trage, in denen ich mich in meinem Körper nicht wohlfühle, wechselt sich dieses Selbstbild in dem Moment, wo sich der Stoff eng an meinen Körper legt.
Natürlich sehe ich dann immer noch die scheinbaren Macken, die mein Körper für mich an dem Tag hat. Doch auf eine Art und Weise sind sie für mich in dem Moment versteckt. Sie wandeln sich und werden dadurch zu etwas Schönem.
Trage ich Latex, ob zu Hause oder in der Öffentlichkeit, entscheide ich mich bewusst für mehr Sichtbarkeit.
Nun kann man sich die Frage stellen, für wen diese Sichtbarkeit gedacht ist: Ist es eine reine Form der Selbstermächtigung oder eine Antwort auf den Male-Gaze? Für mich ist es irgendwie beides. Und vielleicht ist diese Unauflösbarkeit das Interessanteste daran.
Genau damit werde ich mich hier bei Codes&Couture in folgenden Artikeln beschäftigen.
Praktisch gedacht – Kauf, Pflege, Einstieg
Latex ist kein pflegeleichtes Material. Wer es zum ersten Mal kauft, sollte ein paar Dinge wissen. Das soll bitte keine Abschreckung sein, sondern dir dabei helfen die für dich bestmögliche Entscheidung zu treffen. Tatsächlich ist dies auch nur ein grober Überblick. In Zukunft folgen hier weitere ausführliche Guides, die dir bei der Wahl des richtigen Latex-Stücks helfen sollen.
Dicke & Qualität
Fertige Latexmode wird meist in Stärken zwischen 0,25mm und 0,5mm angeboten. Zu beachten ist hierbei, dass dünneres Latex körpernäher und fließender ist. Damit besteht aber auch die Gefahr, dass es schneller reißen kann. Dickeres Latex ist strapazierfähiger und gibt dem Teil eine andere Struktur. Achte darauf, kein billiges Latex zu kaufen. Dies ist oft ungleichmäßig in der Stärke, was du beim Tragen sehr leicht merken kannst.
Pflege: Chlorieren vs. Silikon
Immer mehr Hersteller von Latex-Fashion nutzen das Chlorieren der Latex-Stücke. Durch diesen Vorgang wird die Oberfläche des Latex weniger klebrig und lässt sich leichter an- und ausziehen. Theoretisch könnte man diesen Vorgang auch selbst zu Hause durchführen, was ich aber nicht empfehlen kann, da der Umgang mit Chlor mit diversen Risiken verbunden ist.
Die einfachste Lösung ist Silikonöl. Dies trägst du vor dem Anziehen auf und kannst das Latexteil damit auch von Außen auf Hochglanz polieren.
Du kannst deine Latexteile ganz einfach mit einem mildem Waschmittel per Hand in lauwarmen Wasser reinigen. Ich weiß, dass manche ihre Latexkleidung auch in der Maschine reinigen, wovon ich persönlich aber kein Fan bin. Nach dem Waschen, solltest du die Latexstücke gut trocknen, anschließend wieder mit Silikonöl einreiben und an einem dunklen Ort lagern. Hänge Latex niemals auf Metall-Kleiderbügel – diese können den Stoff verfärben.
Wo kaufen
Ich empfehle dir, die kleinen spezialisierten Ateliers den großen Massenanbietern vorzuziehen. Hier geht es mir nicht ums Prinzip, sondern um die Qualität. Wenn du dir dein erstes Latexteil kaufst, ist es natürlich nicht notwendig gleich mehrere hundert Euro auszugeben. Aber auch bei kleinen Ateliers bekommst du einstiegsfreundliche Teile, die in Qualität und Preis transparent sind. So kannst du dich erstmal mit dem Material vertraut machen und schauen, ob du es gerne trägst.
Ich rate klar davon ab, bei generischen Erotik-Shops oder Plattformen wie Ebay zu kaufen, da hier die Qualität und Herkunft des Materials nicht nachvollziehbar sind.
Ein Gedanke zum Abschluss
Latex ist schon eine Weile kein Nischenmaterial mehr. Doch was bedeutet die Mainstream-Aneignung für die Community, die es geprägt hat? Ist der Weg in den Mainstream der Weg in die breite Akzeptanz – für das Material und für die Menschen, die es seit Jahrzehnten tragen? Oder verschwinden Herkunft und Bedeutung, sobald ein Kleidungsstück auf dem Zara-Bügel hängt?