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Du trägst keine Kleidung. Du trägst eine Haltung.

LEAD-SATZ DES ARTIKELS — kurze Zusammenfassung in einem Satz.

Ich war dreizehn, als ich zum ersten Mal verstanden habe, dass Kleidung nicht nur kleidet:


Meine Cousine und ich saßen auf dem Boden meines Zimmers und nähten – mit der Hand. Sehr schlecht, aber absolut begeistert. Wir schnitten alte Teile auseinander und machten etwas Neues daraus. Etwas, das es vorher nicht gab. Etwas, das uns gehörte. Sich nach uns anfühlte.


In den Jahren danach fuhr ich von meiner Kleinstadt aus mit dem Zug in die nächstgrößere Stadt. Kaufte was alle trugen. Trug, was Mädchen trugen. Fand mich individuell und wollte doch gefallen.


Das war keine Mode. Das war Anpassung


Den Unterschied habe ich erst begriffen, als ich wieder ein paar Jahre später Abends vor dem Spiegel stand und nicht mehr suchte. Schwarze Teile, strukturiert, gelayert. Nichts Buntes, nichts Weiches, nichts Entschuldigendes. Ich schaute mich an und dachte nicht mehr: Gefalle ich?


Ich dachte: Das bin ich.


Es war das erste Mal, dass ein Outfit sich anfühlte wie Schutz. Wie Rüstung. Wie nach mir selbst.
Ich wusste damals noch nicht, dass das ein Anfang war. Dass diese Logik – Mode als Haltung, als Haut, als Behauptung – mich irgendwann zu Latex führen würde.


Aber dazu komme ich später.

„Mode ist nur Kleidung“ – warum das eine Lüge ist

AWAY BY DANIEL FARÒ

In einem Latexkleid ist eine Frau ein „leichtes Mädchen“. Trägt sie ein schwarzes Kostüm mit weißer Bluse gilt sie als seriös.

Warum werden Frauen so oft nach ihrer Kleidung bewertet?
Warum gibt es so viele Codes für unsere Kleidung? Bei einer Hochzeit wir die Farbe weiß getragen. Es gibt Uniformen. Nicht nur bei Militär, sondern auch im Büro.

Kleidung diente an erster Stelle zum Bedecken unseres Körpers. Zum Bedecken der Nacktheit. Vor tausenden von Jahren zum Schutz vor Kälte.
Doch das älteste Kleidungsstück erzählt eine andere Geschichte.
Ein 5000 Jahre altes Kleid aus Ägypten. Fein und komplex gearbeitet. Ein Spiegel des Reichtums aus der antiken Gesellschaft. Es war Mode und nicht einfach nur Kleidung.

Kleidung bedeckt und Mode kommuniziert.

Wir werden anhand unserer Kleidung beurteilt und beurteilen uns selbst. Eingehüllt in unser Lieblingsoutfit fühlen wir uns stark. In Jogginghose und Sweatshirt machen wir es uns gemütlich, fühlen uns aber nicht unbedingt stark. Unsere Kleider lösen unterschiedliche Emotionen aus.

Wir kleiden uns für entsprechende Situationen. Viele kleiden sich, um sich anzupassen. Einige, um sich abzuheben. Aber niemals nur um zu bedecken. Jedes Outfit setzt ein Statement – für uns selbst und für andere.

Was Theoretikerinnen darüber sagen

Kleidung bedeckt, Mode kommuniziert – das haben wir festgestellt. Aber was genau kommuniziert sie? Und für wen?
Diese Fragen haben Theoretikerinnen und Theoretiker seit Jahrzehnten beschäftigt. Nicht als modische Randnotiz, sondern als ernstes kulturelles und politisches Phänomen. Zwei Denkschulen, die für das Verständnis von Mode besonders relevant sind – und die beide irgendwie zusammenhängen.

Mode als Zeichen und Machtstruktur

Roland Barthes prägte in seinem Werk „Die Sprache der Mode“ die Ansicht das Mode ein System aus Zeichen ist. Mode ist für ihn Sprache – mit Grammatik, Regeln und der Möglichkeit diese zu brechen. Ein System aus Codes, mit immer wieder wechselnden Subcodes.

Barthes analysierte die Sprache der Modemagazine – und entdeckte dabei, wie wir durch Worte Mode erst erschaffen. So machen wir ein Kleidungsstück zum Trend, während wir gleichzeitig das Andere verurteilen. Wir beschreiben durch Sprache, wann ein Kleidungsstück tragbar ist und wann nicht.

Zur Hochzeit wird weiß getragen. Im Business ist das weiße Hemd Pflicht. Tragen wir über dem weißen Hemd ein schwarzes Harness, wird der Code aufgebrochen und ein neuer Subcode entsteht.

Wir drücken durch Mode soziale und gesellschaftliche Bedeutung aus. So können bestimmte Kleidungsstücke bei der einen gesellschaftlichen Gruppe als chic gelten, während sie in der anderen Gesellschaftsgruppe als asozial konnotiert werden.

Das bewies auch Pierre Bourdieu in seinem Werk „Die feinen Unterschiede“. In der er genauer auf die Machtverhältnisse in der Mode eingeht. Was wir tragen wird zum Ausdruck unserer Zugehörigkeit im sozialen Raum. Was chic ist, wird hier meist von oben nach unten weitergegeben. Die Haute Couture definiert und später sehen wir es auf den Tischen der Fast Fashion Hersteller.

Wer erinnert sich nicht an das Gespräch zwischen Miranda und Andy im Film der Teufel trägt Prada, wo Miranda den azurblauen Pulli von Andy auseinandernimmt und ihr aufdröselt, wie das azurblau von Oscar de la Renta nach ein paar Jahren auf den Wühltischen landet ?

Diese Gruppenzugehörigkeit haben Designer immer wieder versucht auszuhebeln: So schickte John Galliano im Jahr 2000 Models auf den Laufsteg, mit Kleidung die von obdachlosen Menschen in Paris inspiriert war. Bekannt wurde diese Kollektion als „Haute Homeless“.

Ist das Avantgarde, rebellisch oder einfach nur geschmacklos? Was klar ist: Eine bestimmte Optik, die eigentlich als asozial konnotiert ist, wurde plötzlich zur Haute Couture erhoben.

Mode als Identitäsarbeit

Erving Goffman hat das soziale Leben als Theater beschrieben. Wir alle spielen eine Rolle – und unsere Kleidung ist das Kostüm. Aber nicht im oberflächlichen Sinn. Das Kostüm kreiert die Rolle. Du ziehst dich an, und dabei entscheidest du, wer du heute sein willst.


Das ist ein Perspektivwechsel. Im vorigen Absatz wurde Mode als System beschrieben, das uns liest, einordnet, bewertet. Hier dreht sich die Richtung um: Mode als Werkzeug, das wir aktiv benutzen. Nicht Spiegel der Gesellschaft – sondern Entwurf des Selbst.

Judith Butler hat diesen Gedanken weitergeführt. Ihr Ansatz: Identität ist kein fester Kern, der sich nach außen ausdrückt. Sie entsteht durch das, was wir täglich tun – durch Wiederholung, Praxis, Entscheidung. Was wir tragen, ist Teil dieser täglichen Praxis. Kein Ausdruck von wer wir sind. Sondern Mittel, es zu werden.

Das klingt abstrakt. Ist es aber nicht.

Jedes Mal, wenn du morgens vor dem Kleiderschrank stehst und eine Entscheidung triffst – bewusst oder nicht – vollziehst du diese Praxis. Du greifst zu dem schwarzen, strukturierten Kleid statt zum bunten, kuscheligem Pullover. Den groben Boots statt den zarten Ballerinas. Jede Entscheidung ist ein kleiner Akt der Selbstkonstruktion.
Und manchmal verändert ein Outfit mehr als nur den Blick im Spiegel.

Dein Körper ist kein Kleiderständer

So passiert Mode nicht einfach auf dem Körper, sondern immer mit ihm. Unser Körper ist kein stummer, unbeweglicher Kleiderständer. Wir drücken mit dem was wir tragen etwas aus. Und häufig ist es Macht.


Mode kann niemals neutral sein, da sie immer von anderen gewertet wird. Unabhängig davon, ob wir es wollen oder nicht.
Mode ist schon immer ein Ausdruck von politischen Machtverhältnissen gewesen. Uns Frauen wurde früher gesagt, was wir tragen sollen. Was angemessen ist und was nicht.

So gab es für Frauen den Korsett-Zwang. Das Korsett wurde später zu einem Fashion Statement. Ein Stück weit haben wir Frauen uns so die Macht über dieses Kleidungsstück zurückgeholt und treffen nun die freiwillige Entscheidung ein solches zu tragen oder eben auch nicht.
Doch wie freiwillig ist diese Entscheidung, wenn dahinter ein jahrhundertealtes Konstrukt aus Regeln die durch Männer gemacht wurden zu sehen ist? Wenn dahinter die Aussage zu finden ist, dass ein Korsett als sexy angesehen wird. Früher ging es dabei nicht um Sexyness. Dazu wurde es erst später gemacht.

Die Suffragetten haben das Korsett abgelegt und später haben wir es uns freiwillig wieder angezogen. Das Politische und das Körperliche sind nicht getrennt. Nur hat eine Verschiebung stattgefunden. Die Machtfrage erleben wir nun von Innen statt von Außen.
Neben dem offensichtlichen, dem was wir nach außen tragen, gibt es die Kleidung, die wir nicht sehen. Wo in den meisten Fällen auch das Korsett mit dazugehört – hier geht es darum, was wir beim Tragen von Kleidung fühlen.


Ob es nun die enge Schnürung des Korsett ist oder das enge Latex auf unserer Haut, indem man sich einerseits eingeengt aber auch befreit – vor allem aber machtvoll fühlen kann. Hier gehen wir weg von dem reinen visuellen Statement und lassen Mode zu einer körperlichen Erfahrung werden, die unser Bewusstsein (für uns selbst) verändern kann.

Fetisch-Mode als Extremfall – und was er uns lehrt

So kann Fetischmode kein Randphänomen sein. Vielleicht ist es vielmehr Mode in ihrer konzentriertesten Form.

Fetischmode versteckt nichts. Sie offenbart ganz bewusst, dass Innere nach Außen. So verhüllt Latex den Körper, zeigt ihn mit seiner Enge jedoch auch in seiner reinen Form. Jede Linie des Körpers zeichnet sich unter dem hautengen Stoff ab.

Der Harness – ursprünglich ein Arbeitsgerät, dann als BDSM-Requisit adaptiert, wurde zu einem Fashion-Statement bei Givenchy und ist heute immer häufiger als Streetwear-Accessoire tu sehen.

Ein Kleidungsstück das immer dieselbe Form behält, aber in seiner Bedeutung immer wieder neu erfunden wird. Mode in Aktion.

Kein Kleidungsstück aus der Fetisch-Mode tut so, als ob es einfach nur praktisch wäre. Ein Harness hat keine funktionelle Notwendigkeit, sondern existiert in der Fetisch- und auch Fashion-Welt als reines Statement-Piece.

So ist Fetisch-Mode immer ein Zeichen oder eine Haltung, Provokation, Einladung oder Grenze. Aber niemals ist ein Fetisch-Teil einfach nur Kleidung. Es gibt keine andere Moderichtung, in der Zeichen, Macht oder Selbstentwurf so eindeutig sichtbar sind.

Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied. Fetisch-Mode lügt nicht. Sie behauptet offen, was andere Mode stillschweigend voraussetzt.

Warum das alles wichtig ist – Mode denken, nicht nur tragen

Wer Mode nur als Kleidung versteht, übersieht das Werkzeug. Wer sie nur als Identitätsspiel versteht, übersieht die Strukturen, die dieses Spiel ermöglichen – oder verhindern. Beides gleichzeitig im Blick zu behalten mag manchmal unbequem sein. Aber ist es nicht ehrlicher?
Ich stehe heute anders vor dem Kleiderschrank als mit dreizehn. Ich verstehe heute besser, was ich tue, wenn ich mich anziehe. Dass jede Entscheidung eine Entscheidung ist. Das Schwarz, das ich trage ist keine zufällige Wahl, sondern eine Sprache, die ich mir angeeignet habe. Die ich mit mir selbst und meiner Umgebung spreche. Auch wenn ich natürlich nicht bei jedem Gang zum Kleiderschrank diesen Gedanken mit mir trage.

Diese Gedanken machen Mode für mich nicht schwerer. Es macht sie interessanter.
Mode lesen heißt nicht, sie nicht mehr genießen zu können. Es heißt, sie auf beiden Ebenen zu erleben – als sinnliche Erfahrung und als kulturelles Phänomen. Als Haut und als Haltung.
Und wer einmal anfängt, Mode so zu lesen, kann damit nicht mehr aufhören.

Ein Anfang. Kein Abschluss.

Ein Anfang. Kein Abschluss.Ich habe am Anfang dieses Textes von einem Abend vor dem Spiegel erzählt.
Ich wusste damals nicht, dass ich gerade Mode dachte. Ich dachte, ich zog mich nur an.

Das ist der Unterschied, um den es hier geht. Dieser Artikel ist ein Anfang. Kein Abschluss.

Was ist Mode für dich? Nicht als Definition – sondern als Erfahrung. Gibt es ein Kleidungsstück, das dein Verhältnis zu Mode zum ersten Mal verschoben hat? Einen Moment vor dem Spiegel, der sich anders anfühlte als alle anderen?
Das sind die Fragen, die mich hier beschäftigen. Immer wieder, aus immer neuen Winkeln.

Beitragsbild von: Foto von Alexander Jawfox auf Unsplash

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